Elektro-Museum


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RLC-Messgerät B5304

Wissens-Thek > Konsumgüterproduktion

RLC- Messgeräte aus dem Funkwerk Erfurt

Blickt man zurück in das Gerätesortiment des Funkwerks Erfurt, so gab es in den 1960er Jahren
3 Gruppen von Geräten, die entwickelt und produziert wurden:

  • Niederfrequenz - Messtechnik (Grundgrößen wie Widerstand, Induktivität, Kapazität, tan Delta und Gütefaktor)
  • Niederfrequenz -Generatoren und Induktivitäts - Normale
  • Hochfrequenz - Messtechnik ( Messgeneratoren (30kHz…300MHz), selektive Mikrovoltmeter, analoge Frequenzmesser
  • Digitale Spannungsmessgeräte (DVM) und - Zähler, periphere Geräte, ab 1980er Jahre Tester für die Halbleiterproduktion


Auf Grund eines Beschlusses des Wirtschaftsrates des RGW (Rat der gegenseitigen Wirtschafthilfe) der ehemaligen sozialistischen Staaten im Ostblock wurde 1969 festgelegt, dass nicht jedes Land sein gesamtes Sortiment an Messgeräten selbst entwickelt und produziert, sondern durch Spezialisierung auf ein Sortiment, welches dann für alle teilnehmenden Länder den Bedarf produziert, eine Steigerung der Effektivität und eine bessere Deckung des Bedarfs erfolgen wird. Diese Festlegung trat ab 1970 in Kraft und alle Entwicklungen, die nicht in das festgelegte Sortiment passten, wurden abgebrochen. Für das FWE betraf es das komplette Sortiment der ersten beiden Gerätegruppen, d.h. die komplette analoge Messtechnik wurde zugunsten einer zukunftsweisenden Digitalmeßtechnik gestrichen.
Die DDR bezog dann ihre Meßgeneratoren aus der SU, Impulsgeneratoren aus Ungarn, Oszillographen kamen aus der SU und Ungarn. Die letzte im Funkwerk produzierte RLC- Meßbrücke war der Typ 1521, der um 1968 in Produktion ging. Danach kam diese Technik aus Polen und der CSSR (z.B. Tesla BM591),


Die Geräte wurden in den 1970er Jahren ausschließlich mit Transistoren und zunehmend mit Schaltkreisen entwickelt und anschließend produziert. Wobei die DDR Halbleiterindustrie immer vom Weltstand einige Jahre zurück hing und damit auch die Geräteentwicklungen in der DDR zunehmend hinter den weltbesten Geräten zurück blieben. Importe von Bauelementen kamen fast ausschließlich aus dem sozialistischen Wirtschaftsgebiet und auch hier war man nie an das Niveau der weltführenden BE- Produzenten herangekommen und NSW-Importe waren wegen des Devisenmangels die Ausnahme.
Es kam vor, dass während der Entwicklung von Geräten Zeitverzögerungen wegen fehlender Bauelemente (sowohl Import als auch einheimische BE) auftraten. In diesem Fall wurden auf Vorschlag des Absatzes neue Entwicklungen aufgenommen. So kam das Sortiment der Service- Messtechnik (Handheldgeräte) zusätzlich in die Produktion. Aber auch hier wurde „getrickst“: zum Beispiel beim Multimeter G-1004.500 wurde ein AD-Wandlerschaltkreis (ICL7106) aus dem westlichen Sortiment benötigt. 3 Muster wurden beschafft und im Halbleiterbereich des FWE kopiert und unter dem Namen U7106 und unter der Dringlichkeit „Konsumgüterproduktion“ produziert. Ab 1985 wurde das Gerät
tausendfach pro Jahr verkauft. Es folgte eine abgerüstete Variante 1986 mit geringerer Genauigkeit, die dann wirklich für den Heimwerker bereitgestellt wurde (G-1007.500). In einer solchen „Lehrlaufsituation“ wegen fehlender Bauelemente kam 1988 im Labor die Idee, in das gleiche Gehäuse wie für die Multimeter, ein RLC- Messgerät zu entwickeln.

Gesagt, getan: heimlich wurde ein Prototyp in dem Gehäuse des ersten Multimeters, welches aus einem PVC-Klotz gefräst wurde, erstellt und bei einer Dienstbesprechung beim Betriebsleiter G vorgestellt. Die Reaktion des Betriebsleiters (fast wörtlich): „Packt das Ding bloß schnell weg, sonst werden wir dafür noch bilanzpflichtig!!“ Da noch keine Gerätetypbezeichnung existierte, hatten wir aus Spaß die Bezeichnung „G-0815“ gewählt. Damit hatte keiner gerechnet und das Gerät verschwand im hintersten Schrankfach.

Es kam 1989 die Wende. Einerseits ein grenzenloser Jubel über die problemlosen Reisemöglichkeiten, das Angebot an Südfrüchten und das sich die Außendienst-Mitarbeiter der Bauelementehersteller die Klinke in die Hand gaben, um uns im Betrieb ihre Kataloge, Muster und Fachzeitschriften in die Hand zu drücken. Andererseits die Probleme in den Betrieben, ihre Produkte an den Mann zu bringen. Der MBH (Maschinenbauhandel) als unser Hauptabnehmer für das Inland stornierte seine Bestellungen und im Export lief es sehr schlecht, die sozialistischen Länder warteten ab, wie sich die DDR entwickeln wird. Die Einführung der D-Mark war in der Diskussion. Im Betrieb wurde Kurzarbeit angeordnet, es galt Einstellstopp, die älteren Mitarbeiter wurden zu Frührentnern gedrängt und im monatlichen Rhythmus wurden Kollegen mit Abfindungen entlassen. So schrumpfte die Belegschaft des Gerätewerkes von rund 1000VBE Anfang 1990 auf 874VBE im Juli1990 (Einführung der D-Mark und neuer Firmenname „Ermic“), danach auf 276VBE im Januar 1991 und schließlich auf 171VBE im Juni 1991. Es kam zu Ausgründungen aus dem Hauptwerk (Ermic-Tours, Ertron, IFAM, GTG u.a.)


Man versuchte auch mit unseren Produkten auf das Angebot des Weltmarktes mit neuen Ideen und Geräten zu reagieren. Schlecht absetzbare Produkte wurden abgebrochen (z.B.Tester für Schaltkreise).
Es wurden Verhandlungen mit Fremdfirmen unternommen, um Gestattungs- oder Auftragsproduktion zu übernehmen. Ergebnis meist negativ, die Ausnahme war ABB mit einem Vertrag über das Scop S-5101. Laufende Entwicklungen wurden überarbeitet und verbessert (z.B. G-2005 bis 1GHz oder G-1005 zum G-1008 mit RMS-Messung).


Neue Themen aus der Umwelt- und Klimatechnik, intelligente Sensorik, PC-Messtechnik, Einbaumultimeter, Leistungsmesstechnik und Datenerfassung wurden aufgenommen. Und hier taucht auch unser „verschmähtes“ RLC-Messgerät, für das ein guter Absatz eingeschätzt wurde, wieder auf. In der Zwischenzeit hat es auch einen richtigen Namen bekommen: B-5304. Das Thema wurde 7/1990 eröffnet, Der Abschluss war 2/1991. Zur Absicherung der Muster für den Absatz wurden 2x 10 Geräte durch die Entwicklung kurzfristig erstellt. Für 1991 waren für die 1.Serie 400 Stück geplant, die aber später auf 200 Stück reduziert wurde, Beginn 6/1991. Es wurden Werbeprospekte erstellt, die ohne Firmennamen, nur mit dem Begriff „Messgeräte aus Erfurt“ warben, da ein künftiger Name noch nicht festgelegt war. Ein separates Gerätewerk war in der Diskussion. Im Dezember 1991 kam dann auf Weisung der Treuhand die Umwandlung der Ermic GmbH in die MTG mbH (Mikroelektronik und Technologie GmbH). Ab April 1993 wurde mit MTG mbH i.L. (in Liquidation) firmiert und damit wurde das Ende der Funkwerknachfolger eingeläutet. Materialbestellungen durften nicht mehr ausgelöst werden, sodass keine abgesicherte Produktion mehr möglich war.

Ende November 1993 schlossen die Werkstore.


Das Werbeprospekt zum
RLC-Messgerät B5304



Gisbert Krusche


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